Wie funktioniert unser Immunsystem?


Ein gutes Verständnis der Wirkweise des Immunsystems ist zentral, um ein gutes Management von Infektionskrankheiten zu erreichen und unsere Argumente zu verstehen. Daher beschreiben wir zunächst einige Fakten. [1-4]
Unser Körper besteht aus ca. 30 Billionen (1012) Zellen und der 10-fachen Menge an Mikroorganismen, also ca. 300 Billionen Bakterien, Viren und Pilzen, die in uns und an uns leben. Die meisten davon brauchen wir als symbiontische Partner, z.B. für die Verdauung aber auch für die Funktion unseres Immunsystems. [5, 6]


1.) Das regionale Immunsystem in den Schleimhäuten unserer Körperoberflächen (Atemwege, Magen-Darm-Trakt, Uro-Genitaltrakt) Überall dort, wo Kontakt zur „Außenwelt“ besteht, also an der Haut und den Oberflächen der Atemwege, des Magen-Darm-Traktes und auch im Bereich der Oberflächen der Harnwege und inneren Geschlechtsorgane muss sich unser Körper mit von außen eindringenden potenziellen Krankheitserregern auseinandersetzen. Die mit Haut bedeckte Körperoberfläche beträgt durchschnittlich 1,6 bis 2 m². Viel größer sind unsere inneren Oberflächen, die Kontakt zur Außenwelt haben, nämlich
der Darm und unsere Atemwege. Die Oberflächen der Atemwege, also von Mund-, Nasen-Rachen-Raum, Luftröhre, Bronchien, Bronchiolen und von ca. 300 Millionen Lungenbläschen beträgt zusammen etwa 100 m², die des Magen-Darm-Traktes etwa 40 m². [7-9]
Bei der großen Oberfläche der Atemwege und auch des Verdauungstraktes, die vor Schäden durch allgegenwärtige oder saisonal auftretende Keime, wie z. B. Coronaviren geschützt werden müssen, ist es nicht verwunderlich, dass hierfür auch ein eigenes ortsständiges Immunsystem am Werk ist. Das meistert diese Routinearbeit meistens mühelos. Dieses lokale Immunsystem der Schleimhäute (mucosales Immunsystem) besteht in erster Linie aus Antikörpern, die von Zellen auf den Oberflächen der Schleimhäute gebildet werden. Diese nennt man „sekretorisches Immunglobulin A“ (sIgA).
Die slgA auf den Oberflächen der Schleimhäute können eindringende Fremdstoffe und Krankheitserreger wie Coronaviren binden, damit diese erst gar nicht in eine Zelle eindringen können. Ferner befindet sich hier ein ausgeklügeltes „mucosales“ zelluläres Immunsystem, das angeboren ist. Das besteht vor allem aus sogenannten antigenpräsentierenden Zellen und Fresszellen (Makrophagen). Die antigenpräsentierenden Zellen durchziehen alle Schleimhäute mit einem dichten Netz als „Wächterzellen“, deren lange Zellausläufer (Dendriten) sich wie Antennen weit durch die Gewebe erstrecken. Sie werden daher auch „dendritische Zellen“ genannt. Beim Eindringen von Krankheitserregern oder Fremdstoffen in die Schleimhaut kommen diese in Kontakt mit den Dendriten und werden von den Wächterzellen als fremd erkannt, aufgenommen und verarbeitet. Auch absterbende Schleimhautzellen, wenn sie etwa durch Coronaviren befallen sind, werden von den Wächterzellen erkannt und als Gefahr eingestuft. Lokale Makrophagen werden sofort aktiviert um die eindringenden Viren und die befallenen Zellen unschädlich zu machen. Sollte dies jedoch nicht gegen die Infektion ausreichen, locken die Wächterzellen mit Botenstoffen aus den benachbarten Lymphfollikeln (Lymphknoten) T-Lymphozyten, vor allem T-Killer-Zellen zu Hilfe. Diese T-Killerzellen erkennen die virusbefallenen Zellen, töten diese ab und „löschen“ so den „Brand“ im Frühstadium. Zelltrümmer und Virusreste werden von den Makrophagen aufgenommen und komplett in Bausteine zerlegt. Über das Anlocken der Killerzellen hinaus, haben die Wächterzellen auch eine antigenpräsentierende Funktion als antigenpräsentierende Zellen (APC). Sie wandern mit den aufgenommenen Virusbestandteilen in die nahegelegenen Lymphknoten und „trainieren“ dort dann neue T-Zellen auf die Viruseigenschaften, um künftig bei Neuinfektionen mit diesem Virus sofort eine gezielte „Angriffsfront“ spezifischer T-Zellen losschicken zu können. In den Lymphknoten werden über diese APC und T-Helferzellen auch B-Zellen dazu gebracht, Antikörper gegen die speziellen Virusbestandteile (z.B. das Spike-Protein von SARS-CoV-2) zu bilden, die ihnen die APC präsentieren. Diese spezifischen Antikörper können dann künftig die Antigenabwehr auf den Schleimhäuten aber auch im Blut verstärkten und spezifisch werden lassen. Die Antikörper, die sogenannte humorale Immunität, kann man mit Tests im Labor nachweisen. Auf diese Weise findet im Normalfall die Abwehr von Atemwegsviren, wie Corona-Viren direkt vor Ort, an und in den Schleimhäuten statt, welche die Oberfläche der Atemwege auskleiden. Diese Abwehrmechanismen bestehen folglich aus zwei Wellen, zuerst der angeborenen zellulären und humoralen Immunität, gefolgt von der erlernten zweiten Welle, der spezifischen Antikörper und T-Zellen. Die angeborene Immunität bietet schon sehr viel Basisschutz gegen Infektionen. Neue Erreger und Viren schaffen es dennoch oft, sich festzusetzen und eine symptomatische Infektion auszulösen. Gerade die spezifische Abwehr hält normalerweise ein Leben lang an, d.h. wenn das Immunsystem mit einem speziellen Erreger Kontakt hatte und diesen erfolgreich bei einer ersten Infektion bekämpft hat, kann der Erreger bei einer erneuten Infektion sofort gezielt inaktiviert und unschädlich gemacht werden, da passgenaue Antikörper und T-Zellen zur Verfügung stehen. Ein funktionierendes Immunsystem der Atemwege braucht den ständigen Kontakt mit anderen Menschen und zur Umwelt, um auch bisher unbekannte Erreger oder deren neue Mutanten kennenzulernen, aber auch um alltägliche Fremdstoffe wie Pollen und Nahrungsmittelbestandteile zu erkennen und als tolerierbar einzustufen. Der Mensch war schon immer ein soziales Wesen und kann nur in der Gemeinschaft mit anderen Menschen überleben. Ohne diese Gemeinschaft, die immer mit enger körperlicher Nähe einhergeht, kann der Mensch nicht existieren und keine Abwehrkraft gegenüber Krankheitserregern aufbauen.
Gerade für Kinder sind enge Kontakte, insbesondere zu Gleichaltrigen, für den Aufbau eines funktionierenden Immunsystems essentiell. Denn die wichtigste Prägephase des Immunsystems in Freund/Feind findet in der frühen Kindheit und Kleinkindphase statt. Ein Ausfall in dieser Phase mangels Kontaktmöglichkeiten, wie aufgrund der aktuellen „Hygienemaßnahmen“ und Distanzregeln, kann zu einem schwer ausgleichbaren Immundefekt führen. Denn unser Immunsystem ist in der Lage, ein Leben lang zu lernen und muss deshalb ständig trainiert und gekräftigt werden. Solch ein Immuntraining findet laufend statt, meistens ohne, dass wir davon etwas bemerken, wenn wir mit anderen Menschen und deren Keimen aber auch mit Tieren, Pflanzen und Nahrung in Kontakt kommen.
Wir sehen derzeit die Folgen einer Verhinderung solcher wichtigen Kontakte durch improvisierte Maßnahmen ohne Evidenzbasis, wie Maskenpflicht, Quarantäne- und Abstandsregeln: eine deutlich erhöhte Zahl an schweren kindlichen Atemwegsinfektionen mit anderen Erregern als Corona-Viren, z.B. durch RSV-Viren mit vermehrten Klinikeinweisungen (https://www.medinside.ch/de/post/rsv-virus-wie-bedrohlich-ist-die-situation-in-der-schweiz Zugriff am 16.1.2022).


2.) Das innere Immunsystem in der Blutbahn und den Lymphwegen zum Schutz der inneren Organe Im Inneren unseres Körpers gibt es einen weiteren Arm unseres Immunsystems, der entsprechend funktioniert. Er hat die Aufgabe, die inneren Organe vor Mikroorganismen und fremden Stoffen zu schützen, die über das Blut oder die Lymphwege eingedrungen sind. Dieses können wir uns bildlich als Polizei vorstellen. Es besteht, vereinfacht dargestellt ebenfalls wieder aus bestimmten Immunglobulinen, hauptsächlich aus im Blut und den Lymphwegen zirkulierenden „Immunglobulin M“ (IgM) und „Immunglobulin G“ (IgG), aber auch aus „Immunglobulin A“, hier allerdings das sog. „zirkulierende Immunglobulin A“ also zIgA. Diese Immunglobuline werden von je speziell geschulten B-Lympho-zyten gebildet, die als „Plasmazellen“ allgegenwärtig sind.
Die bereits erwähnten T-Lymphozyten, T-Helfer- und T-Killerzellen, spielen beim Erkennen und Vernichten einer Virus-befallenen Zelle der inneren Organe eine besonders wichtige Rolle. Diese ausgebildeten Abwehrzellen warten in den Lymphknoten und der Milz, und werden bei einer Infektion sofort alarmiert. Sie verlassen dann ihre „Kasernen“ (Lymphknoten und Milz) zum „Patrouillendienst“, um den Körper auf der Suche nach infizierten Zellen zu „durchkämmen“. Außerdem sind ausgebildete T-Lymphozyten vorhanden. Sie entdecken die bei Zellteilungen ständig entstehenden entarteten Zellen, die sie vernichten und verhindern somit ein Auftreten von Krebserkrankungen. Die T-Lymphozyten spielen darüber hinaus eine entscheidende Rolle dabei, die in unserem Körper nach einer Infektion verbliebenen Viren, wie z.B. die Herpes-zoster-Viren, die sich nach einer Windpockeninfektion lange in den Spinalganglien verstecken, in Schach zu halten und so das Wiederaufflackern solcher Infektionen, u.a. durch Herpes-zoster Viren, Epstein-Barr-Viren oder
Zytomegalie-Viren zu verhindern.

 

(Quelle: https://www.mwgfd.de/das-mwgfd-corona-ausstiegskonzept/ Seite 3)